Irene

17 Jahre alt – mein Leben wertlos, am totalen Tiefpunkt. Die Ehe meiner Eltern zerbrach und ich war gezwungen, von zu Hause auszuziehen. In derselben Zeit wurde ich wiederholt sexuell missbraucht und vergewaltigt. Vergessen zu sein, keinen Wert zu haben, ausgenutzt und abgelehnt zu werden – das war alles, was ich fühlte.

Ich war gefangen in Misstrauen, einerseits gegenüber Menschen, andererseits auch gegenüber bestimmten Situationen. Mein Herz verschloss sich vor der Welt. Überzeugt davon, dass mein Leben von jedem abgelehnt wird, erklärte ich es nach und nach auch selbst für wert- und sinnlos. Die Erde war kein Ort für mich und ich beschloss, dass ich möglichst bald weg wollte.

Genau da begegneten mir diese jungen Leute. Sie erzählten mir von einer Liebe, die es auf dieser Welt nicht gibt. Eine Liebe, die die Grenzen unserer Vorstellung sprengt. Sie sprachen von einer Beziehung zu Jesus und davon, dass es einen Gott gibt, der an meinem Leben interessiert ist. Einerseits faszinierte mich der Gedanke von Liebe und bedingungsloser Annahme. Ich fühlte Frieden und Freude beim Gedanken daran, und es weckte in mir eine ganz winzige Hoffnung. Doch es war zu riskant. Vertrauen bedeutete für mich, fallen gelassen zu werden. Sich an etwas zu halten bedeutete verlassen zu werden. Sich zu öffnen bedeutete verletzt zu werden. Was ist schon Liebe? Grausamer Sex.

 

Noch nie war meinem Herz so wohl wie in diesen drei Tagen. Ich erlebte einen Frieden, den ich nicht kannte und ich beschloss, am Leben und bei Gott zu bleiben.

 

Mein Leben war diesem Gott aber offenbar wichtiger als ich zu glauben traute. Er tat nicht viel und stellte meine Welt nicht ungefragt auf den Kopf, aber er versuchte immer wieder, in einer ganz sanften und natürlichen Art und Weise, an mein Herz zu kommen. Also gab ich Gott eine einzige Chance. Drei Tage – das war mein Deal. Drei Tage lang werde ich dir, Gott, mein Leben hingeben. Drei Tage werde ich dir vertrauen. Noch nie war meinem Herz so wohl wie in diesen drei Tagen. Ich erlebte einen Frieden, den ich nicht kannte und ich beschloss, am Leben und bei Gott zu bleiben.

 

Doch trotz allem tobte ein Sturm in mir, den keiner sah oder spürte.

 

So begann eine spannende Zeit für mich. Ich schloss die Ausbildung zur Pflegefachfrau ab, was ich mir immer gewünscht hatte. Ich heiratete und gründete eine Familie. Ich war eine glückliche Ehefrau und Mama von sechs Kindern. Doch trotz allem tobte ein Sturm in mir, den keiner sah oder spürte. Regelmässig überrollten mich Wellen von Traurigkeit und Schmerz. Ich konnte mich nicht gegen sie wehren. All die Jahre habe ich es nicht geschafft, mich einem Menschen anzuvertrauen. Die schlimmen Erlebnisse behielt ich in mir. Ich verdrängte sie. Lange ging das gut. Doch als meine Kinder das Alter erreichten, in dem ich war, als die Missbräuche geschahen, brachen die traumatischen Erinnerungen aus meiner eigenen Jugend wieder vermehrt in mir hervor. So geriet ich in eine schwere Depression. Meine Lebenskraft verschwand. Ich quälte mich am Morgen aus dem Bett, nur um mich durch den Tag zu schleppen und mich am frühen Abend wieder unter der Decke zu verstecken. Mit meinen letzten Energiereserven versuchte ich, meinen Kindern eine Mutter zu sein. Ich probierte einen achtköpfigen Haushalt zu organisieren, während ich von Suizidgedanken verfolgt wurde. Mein innerlicher Schmerz war so gross, dass ich oft stundenlang weinte. Auch meine Ehe zerbrach an den Folgen dieser schwierigen Zeit.

 

Gott verspricht, dass er bei uns ist alle Tage der Welt und dass er selbst uns einmal alle unsere Tränen abwischen wird. Daran hielt ich mich fest.

 

Dennoch blieb ich meinem Deal mit Gott treu. Er hat sich mir gezeigt und ich bin bei ihm geblieben. In der Bibel verspricht er, dass er bei uns ist alle Tage der Welt und dass er selbst uns einmal alle unsere Tränen abwischen wird. Daran hielt ich mich fest. Es war das einzige, was mich über Wasser hielt. Ich blieb am Leben, weil ich Gott vertraute und daran festhielt, dass er meinen Schmerz kennt, bei mir ist und er alle Lücken in mir füllen kann.

 

Ich durfte erleben, wie Gott mit mir durch den Schmerz geht, und mich stärker, befreiter und glücklicher aus der Dunkelheit herausgeführt hat, als ich hineingegangen bin.

 

Ich kämpfte mich zurück ins Leben und suchte professionelle Hilfe. Die Liebe meiner mittlerweile erwachsenen Töchter und Söhne und gute Freundinnen unterstützten mich. Nichtsahnend begab ich mich in den Therapieprozess, mit den Ereignissen, an die ich mich erinnern konnte. Doch bei diesen blieb es nicht. In der Traumatherapie wurden Erinnerungen aus meiner frühesten Kindheit aufgedeckt. Ein Nachbars-Ehepaar, das mich als Kleinkind regelmässig abfängt, in ein Kellerzimmer einschliesst, mich unmenschlich behandelt, zu sexuellen Handlungen zwingt und vergewaltigt. Ob ich verstehe, weshalb Gott so Grausames zulässt? Ich tue es nicht. Dennoch halte ich an Gott und seinen Zusagen fest und ich durfte erleben, wie Gott mit mir durch den Schmerz geht, und mich stärker, befreiter und glücklicher aus der Dunkelheit herausgeführt hat, als ich hineingegangen bin.

 

«Mein Plan mit euch steht fest: Ich will euer Glück und nicht euer Unglück. Ich habe im Sinn, euch eine Zukunft zu schenken, wie ihr sie erhofft. Das sage ich, der Herr.»

 

Ich möchte dich ermutigen, wenn du dich in schmerzhaften Situationen wiederfindest: Vertraue dich jemandem an. Es ist kein Versagen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Verdrängen scheint einfacher zu sein und ein Heilungsprozess kann sehr schmerzhaft sein, doch es lohnt sich. Ich wünsche dir, dass auch du erleben darfst, wie Gott zu seinen Zusagen steht. Er verspricht uns in der Bibel, in Jeremia 29,11: «Mein Plan mit euch steht fest: Ich will euer Glück und nicht euer Unglück. Ich habe im Sinn, euch eine Zukunft zu schenken, wie ihr sie erhofft. Das sage ich, der Herr.»