Mein Name ist Ruth. Ich wuchs in einem christlichen Elternhaus als älteste von fünf Kindern auf und genoss das lebendige Familienleben mit meinen Geschwistern sehr. Nach der Schule absolvierte ich zunächst die Ausbildung zur medizinischen Praxisassistentin und hängte später die höhere Fachschule zur diplomierten Pflegefachfrau an. Währenddessen lernte ich meinen Mann Simon kennen, mit dem ich einige Jahre später mit unserem wunderbaren Jungen meine eigene Familie gründen durfte. Ich stellte mir immer eine Familie mit mehreren Kindern vor. Doch es sollte bei diesem einen Jungen bleiben.
Wir hatten den Wunsch nach weiteren Kindern, doch eine erneute Schwangerschaft ging nicht nicht in Erfüllung. Nach zwei Jahren besuchten wir das Kinderwunschzentrum in Bern. Aber auch sie konnten nichts feststellen. Wir begannen eine Hormontherapie, deren viele Höhen und Tiefen für mich sehr belastend waren. Mein Mann blieb stets positiv, doch mir fiel es schwer. Ich fühlte mich oft allein und nirgends richtig zugehörig. Meine Gedanken kreisten immer wieder um das Thema.
Die Vorstellung, dass unser Sohn ein Einzelkind bleibt, konnte und wollte ich nicht akzeptieren.
Damals lebten wir in einem schönen Familienquartier in einem Dorf. Unser Sohn hatte Freunde und immer jemanden zum Spielen. Als er vier war, zogen wir in das Elternhaus meines Mannes – ein Bauernhaus mit viel Platz ums Haus. Unsere Vorstellung war, dass unsere Kinder sich dort austoben können und viel Platz zum Spielen haben werden. Doch ich wurde weiterhin nicht schwanger. Stattdessen begann ich, unsere alte Wohnung und das lebendige Quartier schmerzlich zu vermissen. Es fühlte sich an, als hätten wir mit dem Umzug aufs Land einen Fehler gemacht.
Vor zwei Jahren trat der Kinderwunsch von einem Tag auf den anderen in den Hintergrund.
Eine unerwartete Krankheit überschattete alles. Plötzlich hatte mein Körper sieben Kilogramm Wasser eingelagert. Treppensteigen fiel mir schwer, morgens waren meine Augen geschwollen und bei jeder kleinen Anstrengung bekam ich Atemnot. In der Notaufnahme erhielt ich die Diagnose, dass meine Nierenfilter geschädigt sind. Nun war ich auf eine Unmenge an Medikamente angewiesen.
Nach zahlreichen Untersuchungen stellte sich heraus, dass meine Krankheit einen Namen hat: «Minimal-Change-Nephropathie». Die gute Nachricht: sie ist gut behandelbar. Der Medikamentencocktail hatte aber auch seine Nebenwirkungen. Gerade die hohe Dosis Kortison führte zu schweren Schlafstörungen, Reizbarkeit und Wassereinlagerungen. Eine Immuntherapie brachte dann endlich Erfolg. Meine Nieren arbeiteten wieder ohne Kortison und ich konnte fast alle Medikamente absetzten.
Schon während der Kortisontherapie litt ich unter sehr heftigen Kopfschmerzen. Die Ärzte fanden keinen Grund dafür.
Die Schmerzen wurden als Nebenwirkung des Kortisons eingeordnet. Leider blieben die Schmerzen jedoch auch nach dem Absetzen aller Medikamente. Sie wurden so quälend, dass ich starke Schlafmedikamente einnehmen musste, um überhaupt einschlafen zu können.
Erneut hatte ich viele Untersuchungen und wurde von Arzt zu Arzt weitergeleitet. Erst ein CT (Röntgen) offenbarte die Ursache meiner starken Kopfschmerzen: ein grosser, gutartiger Knochentumor an der Stirn. Eine grosse Operation im Inselspital stand mir bevor. All das nagte an meinem Glauben. Er wurde mir gleichgültig. Vorher war ich im Worship Team und liebte das Piano spielen. Regelmässig besuchten wir am Sonntag die Celebration.
Ich konnte aber nicht mehr beten, hatte keine Freunde mehr am Worship, alles war mir egal.
Die Kirche besuchte ich auch kaum mehr, ertrug auch den Lärm und die vielen Menschen nicht mehr. Ich hatte viele Fragen an Gott und stellte der ganze Glaube in Frage. Dies war von aussen nicht wirklich sichtbar. Im Worshipteam hatte ich sowieso aufgrund unseres Umbaus eine Pause eingelegt. Es war ein Prozess, welcher schleichend begonnen hatte.
Mein Spitalgepäck war voll mit liebevollen Karten, Zusprüchen und Ermutigungen von meiner Smallgroup, meiner Familie und Freunden. Auch eine selbstgebastelte Medaille von meinem Sohn packte ich ein. Ihm war es wichtig, dass er mir auch etwas von sich mitgeben konnte. Nichts davon hatte ich mir vorher genau angesehen oder gelesen. Auch das war mir egal. Erst zwei Tage nach der Operation nahm ich im Spital die Tasche mit den Mitbringsel zur Hand. Die Medaille von meinem Sohn fiel mir zuerst auf. Auf ihr stand:
«Der Herr ist denen nahe, die zu ihm beten und ihn suchen.» Psalm 145, 18
Dieser Vers traf mich mitten in mein Herz. Ich wusste, ich brauche Gott und er ist an meiner Seite. Dämme brachen, durch diesen einzelnen Vers. Ich habe an diesem Abend wieder angefangen zu beten. Ich spürte einen tiefen Frieden in diesem Spitalzimmer und wusste, da ist ein Gott, der über mir wacht und mich nicht allein lässt. Ich fühlte mich vorher weit weg von Gott, dachte er sieht mich nicht und beten bringt sowieso nichts. Dieser Vers löste aber sehr viel in mir aus. Ich begann Gott wieder zu suchen und wollte ihm nahe sein. Zu Hause habe ich auch wieder angefangen in der Bibel zu lesen.
Die starken Kopfschmerzen waren nach dem Eingriff zum Glück nicht mehr vorhanden und der Tumor konnte fast vollständig entfernt werden. Aber es war eine grosse Operation und leider war danach nicht einfach alles gut. Ich litt unter neuropathischen Schmerzen im Gesicht als Folge der Operation. Ich erhielt erneut starke Medikamente gegen diese Schmerzen, die zwar gut halfen, mich aber extrem müde machten. Niemand konnte mir sagen, ob die Schmerzen jemals weggehen werden, der Neurologe teilte mir sogar mit, dass ich wohl mit diesen Schmerzen würde leben müssen.
Während dieser Zeit steckten wir noch mitten im Umbau unseres Bauernhauses und lebten in einem Studio bei der Familie meiner Schwägerin. Dies war rückblickend ein grosser Segen für uns. Ihr Mann ist Hausarzt und hat mir sehr viel geholfen und mich unterstützt.
Letztes Jahr planten wir eine fünfwöchige Reise durch Neuseeland – wertvolle Familienzeit nach all dem Schweren. Die Reise nach Neuseeland tat uns allen gut. Wir konnten richtig abschalten und auch mir ging es deutlich besser. Zu Hause konnte ich einige Medikamente absetzten. Heute kann ich tatsächlich wieder all die Dinge machen, die bereits vor den Erkrankungen zu meinen Leidenschaften zählten: in die Berge gehen, Skitouren unternehmen, mit meinem Sohn Fussball spielen und auch wieder meiner geliebten Arbeit im Spital nachgehen.
Rückblickend darf ich erkennen, dass Gott alles geführt und in all dem auch viele kleine Wunder getan hatte.
Bei der OP Aufklärung beispielsweise wurde mir durch den Professor mitgeteilt, dass der vordere Teil meiner Haare am Kopf wegrasiert werden muss. Der Professor war aber anschliessend in den Ferien und ich wurde durch einen anderen Chirurgen operiert. Als ich aufwachte, waren alle meine Haare noch da, er hat die ganze Operation ohne Rasur durchgeführt. Dies und noch einiges mehr waren für mich kleine Wunder und Zeichen, dass Gott mich nie im Stich lässt. Mein Wunsch nach einem zweiten Kind hat sich zwar nicht erfüllt und ich verstehe dies und auch meine Krankheiten nach wie vor nicht. Ich habe nun aber mit der Situation Frieden geschlossen. Dies war ein langer, schmerzhafter Prozess. Ich habe immer wieder gebetet, gehofft und geglaubt. Es war ein ständiges auf und hab. Mit Hilfe von Seelsorge, vielen Gesprächen und vergangener Zeit konnte ich den Wunsch loslassen und akzeptieren, dass er leider nicht in Erfüllung gegangen ist. Es gelingt mir nicht immer, aber ich möchte versuchen, auf das zu schauen, was ich habe und nicht auf das, was ich nicht habe. Ich bin dankbar, dass es mir auch gesundheitlich nun viel besser geht. Meine Nierenerkrankung ist aktuell so stabil, dass ich dafür momentan gar keine Medikamente mehr einnehmen muss. Und auch die Neuroleptika für die neuropathischen Schmerzen konnte ich bereits reduzieren. Dafür bin ich sehr dankbar.
Unser Umbau ist inzwischen fertig geworden. Wir konnten vom Studio wieder zurück in unser nun umgebautes, grosses Haus ziehen. Ich bin gespannt, wie Gott dieses Haus nun mit Leben füllen wird.
Das Leben läuft vielfach nicht nach unseren Wünschen und Vorstellungen. Nach 40 Lebensjahren durfte ich aber von meinem jungen Sohn lernen: «Der Herr ist denen nahe, die zu ihm beten und ihn suchen.» Gebet lohnt sich immer. Auch wenn wir nicht alles in unserem Leben verstehen. Gott ist da.
