«Mama, Mama, das ist unfair! Es ist einfach ungerecht!», ruft eines meiner Kinder, worauf es aufsteht und den Würfel demonstrativ hinwirft, während wir gemeinsam ein Kartenspiel am Tisch machen wollten. Oh, ich verstehe das doch sehr gut. Das Kind war doch so nahe am Sieg, doch nun hat das Spiel zu seinen Ungunsten gekehrt. Ein anderes Kind beginnt sich zu beklagen, es habe von Anfang an die schlechteren Karten erhalten, worauf ein drittes einwendet, die Regeln seien sowieso blöd. Ich atme tief durch.

Die Bedürfnisse mehrerer Kinder unter einen Hut zu bringen ist wirklich nicht einfach im Alltag. Ich versuche immer wieder Verständnis aufzubringen, Ungerechtigkeiten aus dem Weg zu räumen, zu erklären, warum wir nach Regeln spielen und weshalb es manchmal auch einen Verlierer gibt. Dieses Begleiten und Erklären sehe ich als meine Aufgabe als Mutter. Ich bin Mutter von vier Kindern, die alle im Schulalter sind. Eine schöne, aber auch herausfordernde Aufgabe, an der ich täglich wachse.

Das Thema Gerechtigkeit verfolgt mich und unseren Alltag als Familie schon länger.

Einerseits erlebe ich, wie meine Kinder in einer Welt aufwachsen, die nicht immer gerecht ist. Fast täglich kommen unsere Kinder vom Schulalltag nach Hause und am Mittagstisch fällt oft eine Bemerkung, wie etwa, eine Situation sei unfair gewesen oder eine Lehrperson habe nicht gerecht gehandelt, etwas lief ungerecht, oder sie haben sich nicht fair behandelt gefühlt. Ja, ich kann es nachvollziehen. Aber ich weiss, dass manchmal auch ich ungerechte Entscheidungen innerhalb der Familie treffe, und da bekommt Gerechtigkeit eine weitere Dimension.

Ich bin ein Mensch.

Ich habe auch eigene Bedürfnisse, bessere und schlechtere Tage und treffe manchmal (leider) Entscheidungen, die nicht gerecht sind. Was mir in dieser Beschäftigung mit dem Wert «Gerechtigkeit» jedoch wichtig wurde: Ich muss gar nicht immer alles perfekt machen. Wichtig ist mein Herz dahinter. Ist jedes Kind geliebt, fühlt sich jedes Kind gesehen, fühlt sich jedes Kind grundsätzlich angenommen? Ich reagiere nicht immer gleich. Mal setze ich hier ein wenig mehr Zeit ein, mal verteile ich bei einem anderen ein Lob, wenn es gerade eine Ermutigung braucht. Aber mit dem Grundwissen des Angenommenseins können meine Kinder auch mal mit einer Ungerechtigkeit von mir umgehen. Wir Eltern versuchen, dies unseren Kindern im Alltag zu erklären. Am Ende wird es gerecht sein, auch wenn man eine einzelne Situation nicht immer hundertprozentig fair gestalten kann. Unsere Kinder sind in einem Alter, wo wir sie fragen können, was sie über Gerechtigkeit denken und solche Fragen führen oft zu interessanten Diskussionen am Familientisch. Sie merken dann, dass es nicht immer einfach ist, eine gerechte Lösung für alle Beteiligten zu finden. Wenn aber eine Begründung da ist, die sie nachvollziehen können, fällt es leichter, etwas Ungewolltes zu ertragen.

Doch manchmal bin ich auch auf der anderen Seite und bin Ungerechtigkeiten ausgesetzt, welche mich treffen. Grosse Ungerechtigkeit habe ich empfunden, als im Jahr 2024 meine Mutter verstorben ist. Nach einer intensiven Krankheitsphase mussten wir sie gehen lassen.

Oft habe ich Gott angeklagt und es als ungerecht empfunden.

Sie hat so gesund gelebt und hätte so gerne noch ein paar Jahre auf der Erde verbracht. Ich habe es nicht verstanden und – ganz ehrlich – verstehe es bis heute nicht ganz. Ich empfand es als sehr ungerecht, weil ich diesem Zustand der Krankheit meiner Mama so hilflos ausgeliefert war. Es war ein unbekanntes Gefühl, nicht direkt auf mein Leben einwirken zu können und die Situation selbst nicht mehr im Griff zu haben. Wie gerne bestimme ich doch über meinen Alltag und fühle mich selbstwirksam, in dem, was ich tue. Hier kam ich an meine Grenzen und musste loslassen: Loslassen von einer Vorstellung und Ideen, aber am Ende auch einen geliebten Menschen loslassen. Ich lernte zu vertrauen, die Situation und meinen Alltag in Gottes Hände zu geben und darf rückblickend sagen, dass ich genau in dieser schweren Zeit so viel Segen erfahren durfte. Es waren vorbeigebrachte Mittagessen einer lieben Freundin, Blumen vor der Haustür, wenn ich vor Trauer nicht klarkam im Alltag oder immer wieder Gebete von und mit meinem Mann und der Familie, welche mich trugen und mir trotz des Leids immer wieder zeigten, dass Gott da ist und sich um mich kümmert – auch im Schmerz. Seine Gerechtigkeit war stets da, einfach anders als ich es mir vorgestellt hatte.

Bei der Beschäftigung mit dem Tod meiner Mutter und der Frage nach Gottes Gerechtigkeit habe ich aber gemerkt: Gottes Gerechtigkeit ist anders, als wir es erwarten oder als wir uns vorstellen.

Er sagt zum Beispiel, bei ihm werden die Letzten die Ersten sein.

Also beim ersten Hinhören total unlogisch und auch nicht so ganz fair. Ich konnte das Thema Gerechtigkeit mithilfe einer Geschichte aus der Bibel (nachzulesen in Matthäus 20) plötzlich aus einer anderen Perspektive anschauen. Da sind nämlich Arbeiter am Rebberg, die erhalten am Ende des Tages alle denselben Lohn, ohne dass sie gleich lang dafür arbeiten mussten. Einige kommen erst zum Schluss und erhalten gleich viel wie diejenigen, die den ganzen Tag geschuftet haben. Ganz ehrlich: wäre ich so eine Arbeitskraft gewesen, die schon morgens früh begonnen hat und abends denselben Lohn erhält wie einer, der erst eine Stunde vor Feierabend kommt, ich hätte auch gemurrt. Ich hätte auch gesagt: «das ist ungerecht.» Dann kommt aber die Antwort des Gutsbesitzers, der stellvertretend für Gott steht: «Willst du dich etwa darüber beklagen, dass ich gütig bin?»

Das hat gesessen. Wenn ich in Versuchung bin, verärgert zu sein über vermeintliche Ungerechtigkeit, kann ich mich auf das konzentrieren, was Gott mir aus Gnade geschenkt hat. Und ich kann mich entscheiden, dankbar zu sein für das, was ich habe. Das ist Gerechtigkeit im Reich Gottes, denn auch ich habe Gnade erhalten.

Ich habe so vieles erhalten, ohne es verdient zu haben.

So habe ich mich gerade nach dem Tod meiner Mutter inmitten des schmerzhaften Trauerprozesses entschieden, darauf zu vertrauen, dass Gott es immer gut meint, dass seine Pläne ohne Fehler sind und er das ganze Bild hat. Gottes Gerechtigkeit ist eine andere als menschlich gesehen. Ich durfte lernen, diese Tatsache durch Gnade anzunehmen. Das heisst nicht, dass der Verlust meiner Mutter nicht mehr schmerzen darf. Meine Trauer ist wichtig, und Gott kümmert sich um meinen Schmerz und meinen Verlust. Aber ich will ihn nicht anklagen und ihm nicht Ungerechtigkeit vorwerfen. Für meinen Alltag bedeutet das, dass ich mich immer wieder entscheiden darf, Gott zu vertrauen, im Wissen darum, dass für mich gesorgt wird, und dass Gott am Ende gerecht sein wird.

Sein Reich bedeutet Gerechtigkeit.

Und so wie ich als Mutter meine Kinder erstmals bedingungslos liebe will auch ich mich darauf besinnen, dass ich von Gott angenommen und geliebt bin und will ihm vertrauen, dass er gute Pläne für mich hat. So will ich als kleiner, unperfekter Mensch nicht mehr an Dingen zweifeln, die mein Schöpfer geplant und gemacht hat. Ich will Situationen annehmen, die ich mir anders wünschte, weil ich weiss, dass Gott gerecht ist und dass er jede Träne abtrocknen wird. Gott ist uns immer gnädig. Ich wünsche diese Gnade und Sicht von Gottes Gerechtigkeit auch dir, liebe Leserin, in deinen alltäglichen Umständen.