Ich bin zusammen mit drei Geschwistern auf einem Bauernhof im Berner Jura aufgewachsen. Meine Eltern haben uns im Glauben an den Gott der Bibel erzogen. Schon sehr jung war für mich klar, dass ich mein Leben mit ihm leben will. Und so gehörten Sonntagsschule, Sonntagsschulleiten, Jugendgruppe, Chor und Gebetsgruppen ganz selbstverständlich zu meinem Leben. Ich liebe es, mit Menschen unterwegs zu sein, und ich bin ein ausgesprochener Familienmensch.
Als Kind habe ich das Familienleben jedoch nicht als sehr harmonisch erlebt. Mit zwei meiner Geschwister und mit meiner Mutter stritt ich oft. Ich fühlte mich einsam und nicht geliebt. So schätze ich das heute, nach vielen Jahren, ein – im Bewusstsein, dass meine Gefühle nicht unbedingt der Realität entsprachen.
Ich war ungefähr 12 oder 13 Jahre alt, als ich mir nach einem heftigen Streit mit meiner Mutter im Stall ein Seil schnappte und auf den Dachboden ging.
Ich wollte meinem Leben ein Ende setzen, so verzweifelt fühlte ich mich. Dort stand ich nun vor dem Dachbalken und wusste nicht, wie man den Knoten macht. Zwei gegensätzliche Reaktionen waren gleichzeitig da. Der erste Gedanke war: Nicht einmal das schaffst du. Der zweite war eher ein Versprechen an mich selbst und an Gott: Ich werde in meinem Leben nie lernen, diesen Knoten zu machen.
Ich habe mich davor und auch danach nie als selbstmordgefährdet eingeschätzt. Ich war nie in Therapie und habe auch jahrelang mit niemandem über diesen Moment gesprochen. Dennoch war es ein prägender Augenblick – als ob mich etwas ziehen würde, meinem Leben ein Ende zu setzen. Meine Jugend war ansonsten normal. Ich machte eine Lehre, ging gern in die Berufsschule und liebte es, mit Freunden zusammen zu sein. Ich liebte das Leben. Mit 19 machte ich den Führerschein und entdeckte schnell, dass ich das Gaspedal gern durchdrückte. Ich fuhr halsbrecherisch und oft viel zu schnell. Später lernte ich einen jungen Mann kennen, wir heirateten und ich durfte Mami werden.
Als ich das erste Mal mit meinem neugeborenen Baby im Auto unterwegs war, dachte ich: Wow, ich fahre ja wie eine Grossmutter durch die Gegend – so langsam und angepasst, gar nicht wie früher. Direkt danach kam ein Gedanke, wie eine Antwort: Dein Baby willst du ja nicht umbringen. Dieser Gedanke kam für mich aus dem Nichts. Nie bin ich mit der Absicht, mich umzubringen, ins Auto gestiegen. Und doch schockierte es mich, wie leichtfertig ich zuvor mit dem Auto unterwegs gewesen war.
Es war, als ob der Tod während meiner schnellen Fahrten immer mitgefahren wäre.
Dieser Gedanke beschäftigte mich, ich sprach jedoch mit niemanden darüber, sondern schob ihn zur Seite. In den folgenden Jahren gab es jedoch immer wieder bedrohliche Momente auf der Strasse. Es ist schwierig zu erklären, was da passierte, und es geschah nur, wenn ich alleine im Auto war. Es hatte nichts mit meiner Gemütsverfassung zu tun. Aber manchmal war da etwas, das mich buchstäblich in die Kurven hineintrieb. In diesen Situationen wollte ich einfach Gas geben. Es war so widersprüchlich: Einerseits sehnte ich mich unerklärlicherweise nach dem Tod, andererseits wollte ich leben. Ich wollte leben – nicht aus Angst, dass Selbstmörder nicht gerettet würden, wie das in gewissen frommen Kreisen gesagt wird, sondern weil ich das Leben liebte.
Es gab Momente, in denen ich alleine im Auto sass und einfach nur „Jesus“ schrie oder „Hilf mir“.
Es kam vor, dass ich schreiend und weinend darum kämpfte, meinen Fuss vom Gaspedal auf das Bremspedal zu bewegen.
Trotzdem sprach ich nie mit jemandem darüber. Ich dachte einfach, es sei nicht so wichtig. Für mich waren diese Momente Normalität.
In all diesen Jahren bauten wir unsere Familie auf, und ich liebte es, Mami zu sein. Wir waren aktiv in der Kirche, und meine Beziehung zu Jesus ist nie abgebrochen. Trotzdem war der Tod ein sehr realer Bestandteil meines inneren Erlebens.
Wenn ich mein Leben als ein Zimmer beschreiben würde, dann stünde in einer Ecke ein Sessel, in dem der Tod sass.
Er störte mich nicht weiter, denn er stellte sich mir als eine Art Zuflucht vor. Ich hatte ihn nicht eingeladen – er war einfach da. Und manchmal wollte er mich zu sich nehmen. Das geschah, wie beschrieben, beim Autofahren, aber auch abends im Bett. Da war oft ein Gedanke wie aus dem Nichts: Hoffentlich wache ich nie mehr auf. Mit meiner Realität oder meiner Gemütsverfassung hatte dieser Gedanke rein gar nichts zu tun.
Heute denke ich, dass mein Leben umkämpft war. Ein Vers aus der Bibel drückt es für mich sehr treffend aus: „Seid besonnen und wachsam! Denn der Teufel, euer Todfeind, läuft wie ein brüllender Löwe um euch herum. Er wartet nur darauf, dass er einen von euch verschlingen kann.“ (1. Petrus 5,8)
Da war eine nicht erklärbare, irrationale Todessehnsucht in mir – jemand, der mein Leben nehmen wollte.
Dann kam ein Ostersonntag. Die Kinder waren inzwischen Teenager. Mein Mann und ich gingen um 6 Uhr morgens zu einem Treffen der Kirche, um die Auferstehung von Jesus zu feiern. Danach musste ich noch einmal zurückfahren, um die Kinder zu holen. Auf dem Heimweg musste ich in einem Tunnel eine Ausfahrt nehmen – viel Beton, todsicher, wenn ich mit Vollgas in die Mauer gefahren wäre. Und da passierte es wieder. Diese Kraft war so intensiv. Ich fuhr viel zu schnell, die Mauer war da und schien mir zu sagen: Komm. Den Kampf, das Schreien zu Gott und das Ringen um die nötige Kraft, um zu bremsen, kann ich nicht beschreiben. Aber ich kann wortwörtlich sagen, dass ich die Kurve gekriegt habe. Zu Hause angekommen zitterte ich am ganzen Körper. Zurück zur Kirche zu fahren war kein Problem, denn die Kinder waren mit mir im Auto.
An diesem Ostersonntag liess ich für mich beten. Es war ein einfaches Gebet, aber Gott hat in dieser Situation gewirkt und alles verändert.
Seit diesem Morgen – das ist jetzt viele Jahre her – musste ich nie mehr in einer Kurve um mein Leben kämpfen. Diese Kämpfe um mein Leben waren weg. Erst jetzt, da ich nicht mehr kämpfen muss, realisiere ich, dass das damals nicht normal war. In diesen Jahren habe ich immer wieder um Vergebung und um Schutz gebetet. Es gab Zeiten, da stieg ich ins Auto und sagte: Jesus, du bist bei mir. Ich bin nicht alleine. Ich weiss, dass Jesus den Tod besiegt hat, damit wir ewiges Leben haben. Aber für mich hat er den Tod besiegt, damit ich das Leben hier auf der Erde leben kann, das er für mich vorgesehen hat.
